
Kein Mann der lauten Töne
JESSEN/MZ.
Auf den ersten Blick ist die Bilanz von Gerald Neiße durchwachsen. Ein Jahr
zieht der 44-Jährige nun schon als Cheftrainer bei der ersten Mannschaft des SV
Allemannia Jessen die sportlichen Fäden. In dieser Zeit haben seine Fußballer
fast genauso oft verloren wie gewonnen. Und auch die saisonübergreifende
Tordifferenz ist nahezu ausgeglichen. Tatsächlich erlebten Neiße und die
Allemannen ein Wechselbad der Gefühle, das sich in zwei völlig unterschiedliche
Jahreshälften teilen lässt. Da ist die bittere zweite Halbserie in der
Landesliga, die mit dem Abstieg endete. Seit Sommer hat sich das Blatt wieder
gewendet. In der Landesklasse steht Jessen auf Platz zwei.
Teamgeist zählt
Neiße selbst ist kein fanatischer Statistiker, der jeden Grashalm einzeln
umdreht. Vielmehr erzählt er von seiner Philosophie. "Langfristigen Erfolg hat
man nur bei einer funktionierenden Mannschaft. In der Truppe muss es stimmen."
Deshalb sieht er sich auch nicht als den alleinigen Garanten für den aktuellen
sportlichen Aufschwung, eher als ein Rädchen von vielen. So steht ihm ein
vierköpfiger Trainerstab zur Seite, "ohne den ich ziemlich alt aussehen würde".
Und Unterstützung ist enorm wichtig. Unter der Woche muss der Bauarbeiter oft
auswärts ran.
Die Moral im Team scheint zu stimmen. Da kann Neiße seinen Torjäger Stefan
Lutzmann auch schon mal auf die Bank setzen, ohne dass der Leistungsträger die
Fassung verliert. "Wenn er sich anschließend trotzdem hineinkniet, habe ich mein
Ziel erreicht." Ruhig und bescheiden, aber auch konsequent, dies sind die
Charaktereigenschaften eines Mannes, den man höchst selten schreiend am
Spielfeldrand erlebt. Seine besonnene Art wird immer wieder in Gesprächen
genannt. Sie war auch der Grund dafür, ihn nach Jessen zu holen, wie
Fußballabteilungsleiter Jens Schramm betont. "Gerald war und ist genau der
richtige Mann auf diesem Posten und von seinem Auftreten her ein angenehmer
Mensch."
Neiße belässt es hingegen bei knappen Sätzen. "Es macht bis heute Spaß und ist
nach wie vor eine große Herausforderung." Dabei gibt er zu, sich den Wechsel vom
Dorf in die Stadt nicht leicht gemacht zu haben. 25 Jahre Fußball in Linda haben
Spuren hinterlassen. "Viele waren verwundert, dass ich Grün-Weiß verlassen
hatte. Manche dachten wohl, ich sei mit dem Club verheiratet." Ihn habe damals
der Ehrgeiz getrieben, eine neue Aufgabe zu suchen. "Vielleicht wollte ich es
auch ein Stück mir selbst beweisen." Zunächst musste er eine Durststrecke mit
vielen Enttäuschungen verkraften. Seine bitterste Stunde war dabei der Abstieg
aus der Landesliga. "Ich wollte ihn unbedingt verhindern, weil ich der festen
Überzeugung war, dass die Jungs das Potential für die Liga hatten. Die Zeit ist
nicht einfach gewesen."
Konstant unkonstant
Wo lagen die Ursachen für den Abstieg? Allein die ungesunde Torbilanz spricht
Bände. Den 55 Gegentreffern in der Rückrunde der Landesliga standen nur 33
eigene Tore entgegen. Dazu kam eine langfristige Verletzungsmisere. Obwohl Neiße
mit fast 20 Spielern über einen großen Kader verfügte, musste er im Frühjahr
fast jede Woche eine neue Truppe auf den Platz stellen. Auch prägte
Unbeständigkeit das Spiel der Elsterstädter. Bösen Niederlagen (1:8 gegen
Arnstedt) standen starken Auftritte (8:4 gegen Germania Roßlau) gegenüber. Zudem
darf nicht vergessen werden: Die turbulenten Monate über den Jahreswechsel 2009
/ 10 hallten bis weit in das vergangene Jahr hinein nach. Im November 2009 hatte
Coach Detlef Malskeit überraschend aufgegeben. Die Suche nach einem Nachfolger
war für die Vereinsspitze schwierig. Und es brauchte eben Zeit, bis sich
Neu-Trainer Neiße und die Spieler aufeinander eingestellt hatten.
Beständiger und erfolgreicher erlebt man die Kicker nunmehr in der Landesklasse.
Bei bisher 13 Begegnungen wurden 45 Tore erzielt, die Gegentrefferquote liegt
bei 13, man hat Tabellenplatz zwei inne. Fans reden schon vom Wiederaufstieg.
"Es ist nicht unser erklärtes Saisonziel, sträuben würden wir uns aber nicht",
sagt der Trainer. Neiße tritt bewusst auf die Euphoriebremse. Spitzenreiter
Eintracht Bitterfeld hat zehn Punkte Vorsprung. Neiße erwartet eine große
Schlacht der Verfolger. "Die Abstände sind eng, Mannschaften wie Annaburg oder
Piesteritz II sind stark. Zudem haben sich viele über die Winterpause personell
verstärkt." Jessen übrigens nicht.